LULUCF-Nachfolge und Österreich
Forests / Waelder: Harvested wood products, LULUCF, Holzprodukte, Carbon, Kohlenstoff
Es wird ernst: Am 15. Februar 2009 war Abgabetermin für die ersten normalen Stellungnahmen der Staaten zum Nachfolgeprotokoll von LULUCF. Der Bereich LULUCF wird und wurde in der AWG-KP viel diskutiert – österreichische Beiträge dazu findet man allerdings nur sporadisch. Somit ist klar, dass jetzt etwas geschehen muss – spätestens bis Mitte 2009 sollten die Länder wissen, was auf sie zukommt und welche Optionen für sie die besten sind.
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Bisher hat sich in Österreich wenig getan, die Informationen zu diesem Thema fließen spärlich, wenn überhaupt. Einzig in der Weihnachtsaussendung des Walddialog Teams wurde kurz auf das Thema mit folgendem Wortlaut eingegangen:
Wald und Klima: Nachfolgeregelung zum Kyoto-Protokoll
Im Kyoto-Protokoll (2008 – 2012) sind für die Industriestaaten dezidierte Reduktionsziele angeführt. Österreich müsste demnach eine Reduktion der CO2 – Emissionen um 13% Prozent erreichen, steht jedoch derzeit bei einer Zunahme von ca. 15 Prozent. Für die Forstwirtschaft sind vor allem die Artikel 3.3 und 3.4 relevant. Österreich hat entschieden, vom Artikel 3.4 (Veränderungen des C-Bestandes im Wald freiwillig anrechenbar) keinen Gebrauch zu machen. Die Verhandlungen zum post-2012 Übereinkommen sehen vor, den Artikel 3.3 (Landnutzungsänderungen (Entwaldung/Aufforstung) verpflichtend anzurechnen) beizubehalten und den Artikel 3.4 dahingehend abzuändern, dass die Waldbewirtschaftung im Sinne einer nachhaltigen Waldbewirtschaftung (siehe auch Maßnahmenbündel 7.1.1 ÖWAD-Arbeitsprogramm) bzw. Biomassenutzung als Gesamtpotenzial angerechnet werden soll.
Weiter soll unterschieden werden zwischen natürlichen und anthropogenen C-Änderungen (z.B. Extremwetterereignisse). Eine nähere Approximation an reale C-Ströme (z.B. durch langlebige Holzprodukte, siehe auch Maßnahmenbündel 1.1.6 ÖWAD-Arbeitsprogramm) soll erreicht werden. Zum Thema „langlebige Holzprodukte“ ist geplant, eine Datenzusammenstellung vom UBA und der BOKU durchführen zu lassen.
Fakt ist, dass Frankreich im Rahmen ihrer EU-Präsidentschaft im Bereich des LULUCF und HWP im Namen aller EU-Staaten und im Namen von Bosnien-Herzegowina, Kroatien, Mazedonien, Montenegro, Serbien und Türkei Tatsachen geschaffen hat, die nicht mehr Rückgängig gemacht werden können. Doch davon später.
Um die Auswirkungen dieser Entscheidung zu verstehen, muss etwas ausgeholt werden:
Wie schon im ÖWAD Newsletter erklärt, hat sich Österreich entschieden, Artikel 3.4 – „Forest Management“ in der ersten Verpflichtungsperiode von 2008 – 2012 nicht in Anspruch zu nehmen. Die Gründe dafür wurden wie folgt angegeben:
- Nutzungsdämpfer – Holznutzungen in der Periode 2008 – 2012 müssten reduziert werden
- Das Risiko von Kalamitäten
- Finanziell aufwändiges Monitoring
Wie sich die internationale Staatengemeinschaft bezüglich Kapitel 3.4 – „Forest Management“ entschieden hat, kann der nachstehenden Tabelle entnommen werden (EU Staaten in blauer Schrift, dafür votiert = grüner Hintergrund, dagegen votiert= gelber Hintergrund)
|
3.4 Forest Management elected? |
Cap |
Berichtet |
Waldfläche |
Waldanteil |
|
|
|
|
[Mt C yr-1] |
2000-2004 |
[1000 ha] |
[%] |
|
Australia |
nein |
0.00 |
2.8 |
163.678 |
21 |
|
Austria |
nein |
0.63 |
-4.5 |
3.862 |
46 |
|
Belarus |
nein |
- |
-3.8 |
7.894 |
38 |
|
|
nein |
0.03 |
-0.6 |
667 |
22 |
|
|
nein |
0.37 |
-5.5 |
3.625 |
33 |
|
|
nein |
12.00 |
-24.4 |
310.134 |
31 |
|
|
not reported |
0.265 |
-4.9 |
2.135 |
38 |
|
|
ja |
0.32 |
-1.8 |
2.648 |
34 |
|
|
ja |
0.05 |
-0.1 |
500 |
12 |
|
|
nein |
0.10 |
-4.7 |
2.284 |
50 |
|
|
ja |
0.16 |
-4.9 |
22.500 |
67 |
|
|
ja |
0.88 |
-11.8 |
15.554 |
25 |
|
|
ja |
1.24 |
-9.5 |
11.076 |
31 |
|
|
ja |
0.09 |
-1.3 |
3.752 |
28 |
|
|
ja |
0.29 |
-1.1 |
1.976 |
21 |
|
|
nein |
0.00 |
0.4 |
46 |
0 |
|
|
nein |
0.05 |
0.0 |
669 |
10 |
|
|
ja |
2,78 |
-29.5 |
9.979 |
33 |
|
|
ja |
13.00 |
-23.2 |
24.868 |
66 |
|
|
nein |
0.34 |
-3.8 |
2.941 |
46 |
|
|
nein |
0.01 |
0.0 |
7 |
44 |
|
|
ja |
0.28 |
-2.4 |
2.099 |
32 |
|
|
nein |
0.01 |
-2.6 |
87 |
34 |
|
|
nein |
0.00 |
0.0 |
0 |
0 |
|
|
nein |
0.01 |
0.7 |
365 |
9 |
|
|
nein |
0.20 |
-5.7 |
9.387 |
35 |
|
|
nein |
0.40 |
-7.2 |
9.192 |
28 |
|
|
ja |
0.82 |
-85.5 |
3.783 |
12 |
|
|
ja |
0.22 |
-1.2 |
329 |
4 |
|
|
ja |
1.10 |
-10.0 |
6.370 |
27 |
|
|
ja |
33.00 |
0.0 |
808.790 |
47 |
|
|
nein |
0.50 |
-1.2 |
1.929 |
39 |
|
|
ja |
0.36 |
-1.4 |
1.264 |
62 |
|
|
ja |
0.67 |
-8.5 |
17.915 |
35 |
|
|
ja |
0.58 |
-4.7 |
27.528 |
61 |
|
|
ja |
0.50 |
-12.0 |
1.221 |
30 |
|
|
not reported |
- |
-58.9 |
10.175 |
13 |
|
|
Ja |
1.11 |
-10.7 |
9.575 |
16 |
|
|
Ja |
0.37 |
-0.2 |
2.845 |
12 |
Von jenen Ländern, deren Waldanteil mehr als 40% der Gesamtstaatsfläche ausmacht, haben nur Österreich, Litauen, Estland und Liechtenstein NICHT für Kapitel 3.4 – „Forest Management“ votiert.
Mit der Nichtinanspruchnahme von Kapitel 3.4 nimmt sich Österreich die Chance, jährlich ca. 2,3 Millionen Tonnen an CO2 Reduktion der nationalen Bilanz anrechnen zu lassen (was in Summe über die 5 Jahre der ersten Verpflichtungsperiode einer Menge von 11,5 Millionen Tonnen CO2 entspricht).
Wie obiger Tabelle ebenfalls zu entnehmen ist, hat jedes Land die Menge an CO2 zu berechnen und UNFCCC zu melden, die aus LULUCF jährlich emittiert bzw. sequestriert werden (nach IPCC Regeln und 2003 IPCC Good practice Guidance for LULUCF).
Derzeit wird für 3.4 - Forest Management und 3.3 – Aufforstung, Wiederaufforstung und Abholzung die sogenannte „gross-net“ Bilanzierung angewendet: Brutto für Netto, was bedeutet, dass die Gesamtkohlenstoffemissionen bzw. die Gesamtkohlenstoffbindung in der Verpflichtungsperiode (2008 – 2012) als Last- oder Gutschrift verbucht werden (allerdings mit einer für jedes Land festgelegten jährlichen Obergrenze = CAP)
Für Acker-, Weide und Ödland nach 3.4 wird die sogenannte „net-net“ Bilanzierung angewendet: Netto für Netto, was bedeutet, dass die jährliche Emission bzw. Bindung von Kohlenstoff in der Verpflichtungsperiode mit jenen des Basisjahres 1990 verglichen werden und nur die entstanden Differenzen als Last- oder Gutschriften für das jeweilige Jahr verbucht werden (hier gilt ebenfalls die bereits angeführte Obergrenze, allerdings nur gemeinsam mit 3.4 – Forest Management). Diese Bilanzierungsmethode wird auch für alle anderen Sektoren angewendet und ist somit eigentlich DIE METHODE.
Für die nächste Verpflichtungsperiode nach 2012 werden für 3.4 – „Forest Management“ und für 3.3 – „Aufforstung, Wiederaufforstung und Abholzung“ verschiedenste Ansätze diskutiert, wobei sich mittlerweile folgende Optionen herauskristallisiert haben:
- GROSS-NET mit CAP
- GROSS-NET mit DISOUNT FACTOR
- NET-NET
Neu eingebracht in die Diskussion für die Zeit nach 2012 im Bereich des LULUCF wurde die Frage der Bewertung von Holzprodukten. Die in Englisch geführten Diskussionen sprechen dabei von „Harvested Wood Products“ kurz HWP bezeichnet. Darunter werden alle Holzprodukte aus dem Wald verstanden (also sowohl Schnittholz als auch Industrieholz und Brennholz). Im deutschsprachigen Raum hat sich dazu die irreführende Übersetzung der „langlebige Holzprodukte“ eingebürgert.
Dazu ist ausdrücklich anzumerken, dass es sich bei der international geführten Diskussion um HWP NICHT NUR um LANGELEBIGE, sondern um JEGLICHE Holzprodukte handelt.
Die in der ersten Verpflichtungsperiode anzuwendenden Berechnungsmodalitäten gehen davon aus, dass der im geernteten Holz gespeicherte Kohlenstoff noch im Jahr der Ernte wieder in die Atmosphäre entlassen wird.
Da dies nicht der Realität für manche geerntete Holzprodukte entspricht, wurde auf internationaler Ebene begonnen, drüber nachzudenken, wie man den in Holzprodukten gespeicherten Kohlenstoff einer Bewertung zuführen könnte.
Dazu wurden wiederum verschiedenste Bilanzierungsmethoden entwickelt:
- IPCC DEFAULT
- STOCK CHANGE (SCA)
- PRODUCTION = SIMPLE DECAY (PA; SD)
- ATMOSPHERIC FLOW (AFA)
- STOCK CHANGE of DOMESTIC ORIGIN (SCAD)
Interessant in diesem Zusammenhang ist, dass viele Länder wie z.B. Finnland, Kanada (inkl. Finnland, Irland, Österreich, UK, Japan und USA) oder Deutschland Szenarien entwickelt haben, wie sich diese unterschiedlichen Bilanzierungsmethoden auf die nationale CO2 Bilanz auswirken könnten. Österreich hat dazu auch Informationen veröffentlicht, hat aber gleichzeitig zum Ausdruck gebracht, dass noch viel Arbeit auf nationaler Ebene gemacht werden muss, um entsprechende Daten für diese Bilanzierungsmethoden zu erhalten. Dies war 2005.
Die nächste große Weltklimakonferenz wird im Dezember 2009 in Kopenhagen statt finden. Internationale Organisationen haben deshalb schon vor einiger Zeit Empfehlungen an die Nationalstaaten ausgegeben, bis spätestens Mitte 2009 eine detaillierte Evaluierung aller LULUCF Nachfolgeoptionen inklusive der Bewertung von HWP durchzuführen.
Österreich befindet sich hier in einer besonderen Situation, da bisher von den involvierten Behörden kommuniziert wurde, dass sich Österreich für eine Anrechnung von HWP im Rahmen von POST2012 LULUCF einsetzt.
Nun hat Frankreich im Namen der EU, am 19.11.2008 in dieser Frage eindeutig Stellung bezogen: Die EU will, dass nur jene Länder eine Anrechnung von HWP in Anspruch nehmen können, wenn sie auch gleichzeitig für eine Inanspruchnahme von Kapitel 3.4 – „Forest Management“ votieren. Diese Haltung entspricht im Wesentlichen auch der Einstellung vieler Staaten – wie sich im Protokoll des UNECE-Timber Workshops zu Harvested Wood Products unter p.6 nachlesen lässt:
- Reporting of HWP in national GHG emission inventories under the UNFCCC should be consistent with the whole reporting system of the Land Use, Land-Use Change and Forestry sector. HWP accounting should be grounded on the above basic reporting system
- Countries that elected forest management as additional activity under Article 3.4 of the Kyoto Protocol should also be able to account for HWP in order not to penalize forest management in the future
- Countries choosing to account for HWP should also account for forest management in order not to compromise sustainable forest management
- If HWP is accounted for in the future, countries have to ensure that the imports that they account for come from sustainable sources to avoid perverse incentives
Österreich hat allerdings eine Inanspruchnahme von 3.4 – „Forest Management“ für die erste Verpflichtungsperiode abgelehnt.
Die Fakten zusammengefasst:
- Die verschiedenen Bilanzierungsmethoden für HWP sind seit mehr als einem Jahr bekannt; bisher wurde allerdings in Österreich keine Evaluierung dieser Methoden vorgenommen (eine externe Expertengruppe ohne Österreichs Unterstützung hat eine allgemeine Evaluierung veröffentlicht), obwohl Österreich die Anrechnung von HWP grundsätzlich anstrebt
- Eine Anrechnung von HWP wird voraussichtlich nur dann möglich sein, wenn auch Kapitel 3.4 – „Forest Management“ in Anspruch genommen wird – so der Wille der EU
- Österreich hat allerdings für die erste Verpflichtungsperiode (von 2008 – 2012) Kapitel 3.4 – „Forest Management“ nicht in Anspruch genommen und hat dadurch auf die finanzielle „Gutschrift“ von max. 11,5 Mt CO2 verzichtet
- Sollte Österreich also HWP in der zweiten Verpflichtungsperiode in Anspruch nehmen, so wird Österreich auch sehr wahrscheinlich Kapitel 3.4 – „Forest management“ in der zweiten Verpflichtungsperiode in Anspruch nehmen müssen
- Es wurde bisher verabsäumt, mögliche Auswirkungen von Kapitel 3.4 –„Forest Management“ und/oder die Anrechnung von HWP mit dem Österreichischen Forstsektor auf breiter Basis und detailliert zu diskutieren
- Österreich nimmt aktiv an allen internationalen Verhandlungen zu den hier angesprochenen Themen und Problemkreisen teil – und könnte durch entsprechendes Auftreten auch die Meinungsbildung beeinflussen – mit Ausnahme einer Präsentation der BOKU (Tobias Stern – Wood K plus) findet sich kein offizieller internationaler Beitrag Österreichs im Internet
- Die Auswirkungen aller dieser Themen auf den Österreichischen Forstsektor werden national nicht behandelt obwohl der Einfluss des nächsten internationalen Klimaschutzprogramms (POST Kyoto) tiefgreifend für den Österreichischen Forstsektor und somit auch für die Österreichische Volkswirtschaft sein werden
- Die Papier- und Zellstoffindustrie, die Waldbesitzer, die Sägeindustrie und viele weitere Akteure des Forstsektors haben mittlerweile international ihre Ansichten, Bedenken und Meinungen zu diesem Thema kommuniziert. Und sie diskutieren auf nationaler Ebene dieses Thema ausgiebig und intensiv – nicht so in Österreich
- Markus Sommerauer's blog
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